Der Haka ist weit mehr als nur ein ritueller Tanz; er ist das pulsierende Herz der Māori-Kultur in Neuseeland (Aotearoa). Weltweit vor allem durch das neuseeländische Rugby-Team, die „All Blacks“, bekannt geworden, trägt dieser Tanz eine tiefe spirituelle und historische Bedeutung in sich.
Hier ist ein Einblick in die Kraft und die Geschichte dieses kulturellen Erbes.
Was ist der Haka?
Der Begriff „Haka“ ist ein Sammelbegriff für verschiedene Formen von Tänzen oder rituellen Darbietungen der Māori. Er kombiniert Gesang, mimischen Ausdruck (Pūkana) und rhythmische Bewegungen. Dabei werden die Arme geschlagen, die Füße gestampft und die Zunge herausgestreckt – alles Symbole für Leidenschaft, Kraft und Identität.
Die Bedeutung hinter den Gesten
Jede Bewegung im Haka hat eine tiefere Bedeutung:
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Das Stampfen der Füße: Erzeugt eine Verbindung zur Erde (Papatūānuku).
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Das Aufreißen der Augen: Soll den Mut und die Entschlossenheit des Kriegers zeigen.
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Das Herausstrecken der Zunge: Ein Zeichen des Trotzes und der Stärke gegenüber einer Herausforderung.
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Der rhythmische Gesang: Erzählt oft Geschichten von Vorfahren, Stammesereignissen oder moralischen Werten.
Weit mehr als nur ein „Kriegstanz“
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass der Haka ausschließlich ein Kriegstanz ist. Zwar diente der Peruperu (eine Form des Haka) früher dazu, Feinde einzuschüchtern und die eigenen Krieger mental vorzubereiten, doch heute wird der Haka zu verschiedensten Anlässen aufgeführt:
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Begrüßungen: Um Ehrengäste willkommen zu heißen.
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Feierlichkeiten: Bei Hochzeiten, Geburtstagen oder Schulabschlüssen.
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Trauer: Um Verstorbenen Respekt zu zollen und die Gemeinschaft zu stärken.
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Sport: Als Ausdruck von Teamgeist und sportlicher Herausforderung.
Kulturelle Wertschätzung vs. Aneignung
Da der Haka weltweit an Popularität gewonnen hat, betonen die Māori die Wichtigkeit des Respekts. Ein Haka ist kein bloßes „Unterhaltungselement“. Er ist eng mit dem Mana (der spirituellen Macht und dem Ansehen) eines Volkes verbunden.
Es wird geschätzt, wenn Menschen weltweit die Kraft des Haka bewundern, solange dies mit dem Verständnis für die Geschichte und die heiligen Traditionen der Māori geschieht. Die unbefugte oder verspottende Nutzung des Haka wird als tiefe Respektlosigkeit gegenüber dem kulturellen Erbe empfunden.
Du lernst
Der Haka ist ein lebendiges Symbol für die Widerstandsfähigkeit und den Stolz der Māori. Er erinnert uns daran, wie wichtig es ist, die eigenen Wurzeln zu ehren und mit voller Energie für seine Gemeinschaft einzustehen.
Den Haka-Tanz lernen
Das Erlernen des Haka ist eine faszinierende Reise in die Kultur der Māori. Es geht dabei um weit mehr als nur um Choreografie – es ist ein Studium von Mana (Kraft/Stolz), Ihi (Begeisterung) und Wehi (Ehrfurcht).
Wer einen Haka lernen möchte, sollte dies mit einer Haltung des Respekts und der Lernbereitschaft tun. Hier ist ein Leitfaden, wie man sich diesem kulturellen Erbe korrekt nähert. Wer die Haka Erfahrung selbst erleben möchte, kann gerne einen Blick auf die Workshops mit Toroa Aperahama in Basel von Susanna Hediger werfen.
1. Die innere Haltung: Verständnis vor Bewegung
Bevor Sie den ersten Schritt setzen, müssen Sie verstehen, warum Sie tanzen. Ein Haka wird nicht „aufgeführt“, er wird „gelebt“.
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Recherche: Informieren Sie sich über die Geschichte des spezifischen Haka, den Sie lernen möchten (z. B. Ka Mate oder Tika Tonu).
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Absicht: Ein Haka dient dazu, eine tiefe innere Wahrheit oder Emotion auszudrücken. Finden Sie Ihre eigene Stärke, bevor Sie die Bewegungen ausführen.
2. Die Grundlagen der Ausführung
Ein Haka beansprucht den ganzen Körper. Die wichtigsten Elemente sind:
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Die Basis (Stance): Die Knie sind tief gebeugt, der Stand ist fest und breit. Die Verbindung zum Boden ist essenziell.
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Pūkana (Der Gesichtsausdruck): Das weite Öffnen der Augen und (bei Männern) das Herausstrecken der Zunge. Dies dient nicht der Belustigung, sondern zeigt Leidenschaft und Fokus.
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Wirini (Das Zittern der Hände): Das schnelle Zittern der Hände symbolisiert die Lebensenergie (Mauri) und die Verbindung zur Natur (z. B. das Zittern warmer Luft an einem Sommertag).
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Rhythmus: Das Stampfen der Füße und das Schlagen auf die Oberschenkel oder die Brust muss synchron und kraftvoll sein.
3. Die Sprache (Te Reo Māori)
Der Text ist das Herzstück des Haka.
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Aussprache: Nehmen Sie sich Zeit, die Māori-Wörter korrekt auszusprechen. Die Vokale sind kurz und klar.
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Bedeutung: Lernen Sie die Übersetzung jedes Satzes. Sie können die Intensität einer Zeile nur dann richtig verkörpern, wenn Sie wissen, was Sie gerade rufen.
4. Wo man am besten lernt
Obwohl es Online-Tutorials gibt, ist der beste Weg, von einem Kapa Haka Experten oder einem Māori-Lehrer zu lernen.
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Workshops: Suchen Sie nach kulturellen Austauschprogrammen oder Workshops, die von Māori geleitet werden.
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Authentizität: Ein Lehrer kann Ihnen die feinen Nuancen beibringen, die in einem Video verloren gehen, und sicherstellen, dass die kulturellen Protokolle (Tikanga) eingehalten werden.
Wichtiger Hinweis zur kulturellen Sensibilität
Der Haka ist geistiges Eigentum der Māori. Wenn Sie ihn lernen:
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Vermeiden Sie Karikaturen: Machen Sie sich nicht über die Gesichtsausdrücke lustig.
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Kontext wahren: Tanzen Sie keinen Haka in einem respektlosen Umfeld (z. B. unter Alkoholeinfluss oder als bloßen Party-Gag).
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Respektieren Sie Tabus: Einige Haka sind spezifischen Stämmen (Iwi) vorbehalten. Lernen Sie vorzugsweise solche, die für die Öffentlichkeit freigegeben sind.
Entstehungsgeschichte des Haka
Die Entstehungsgeschichte des Haka ist tief in der Mythologie der Māori verwurzelt. Sie ist eine Mischung aus göttlichen Legenden und der harten Realität des Stammeslebens im alten Neuseeland. Um den Haka zu verstehen, muss man zu seinen Ursprüngen zurückkehren – zum Tanz des Sommers.

Die mythologischen Anfänge: Der Tanz der flimmernden Luft
In der Mythologie der Māori beginnt die Geschichte des Haka bei Tama-nui-te-rā, dem Sonnengott. Er hatte zwei Frauen: Hine-raumati (die Sommer-Magd) und Hine-takurua (die Winter-Magd).
Der Legende nach entsprang der Haka aus der Verbindung mit der Sommermagd:
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Ihr gemeinsamer Sohn hieß Tane-rore.
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An heißen Sommertagen kann man beobachten, wie die Luft über dem Boden flimmert und tanzt. Die Māori glauben, dass dieses Phänomen das Tanzen von Tane-rore für seine Mutter ist.
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Dieses „Zittern“ der Luft spiegelt sich heute im Wirini wider – dem schnellen Zittern der Hände während eines Haka, das die Lebensenergie und die Verbindung zur Natur symbolisiert.
Historische Entwicklung: Ein Werkzeug der Kommunikation
Historisch gesehen war der Haka ein essentielles Mittel der Kommunikation zwischen den Stämmen (Iwi). Er wurde nicht nur für den Krieg entwickelt, sondern diente als:
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Stärkedemonstration: Vor einem Kampf, um den Gegner einzuschüchtern und die eigenen Krieger zu fokussieren.
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Diplomatie: Um Friedensabsichten zu zeigen oder Gäste willkommen zu heißen.
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Bewahrung von Wissen: Da die Māori keine Schriftsprache hatten, wurden Geschichte, Ahnenreihen und wichtige Ereignisse in den Texten und Bewegungen des Haka „gespeichert“.
Die Geschichte des berühmtesten Haka: „Ka Mate“
Der weltweit bekannteste Haka, der oft fälschlicherweise für den „Ur-Haka“ gehalten wird, ist der Ka Mate. Seine Entstehung ist jedoch eine ganz persönliche Fluchtgeschichte:
Er wurde um 1820 von Te Rauparaha, einem Häuptling des Stammes Ngāti Toa, komponiert. Er befand sich auf der Flucht vor feindlichen Kriegern und versteckte sich in einer Vorratsgrube für Kumara (Süßkartoffeln). Über der Grube stand eine Frau, was nach dem Glauben der Māori seinen spirituellen Schutz (Mana) schwächte und ihn für seine Feinde „unsichtbar“ machte.
Als er aus der Grube stieg und feststellte, dass er überlebt hatte, rief er die heute berühmten Worte:
„Ka mate, ka mate! Ka ora, ka ora!“
(Ich sterbe, ich sterbe! Ich lebe, ich lebe!)
Dieser Haka ist also im Kern eine Feier des Triumphs des Lebens über den Tod.
Der Haka heute: Ein globales Symbol
Vom Schlachtfeld über die Rugby-Stadien bis hin zu politischen Protesten im neuseeländischen Parlament: Die Entstehungsgeschichte des Haka setzt sich bis heute fort. Er hat sich von einer rein stammesbezogenen Tradition zu einem Symbol für die nationale Identität Neuseelands und den Widerstand gegen Unterdrückung entwickelt.
Vorsicht! Kulturelle Aneignung des Haka-Tanzes
In einer globalisierten Welt, in der Videos von Haka-Darbietungen Millionen von Klicks erzielen, stellt sich eine wichtige Frage: Wo zieht man die Linie zwischen ehrlicher Bewunderung und kultureller Aneignung?
Der Haka ist für die Māori kein bloßes Unterhaltungsprodukt, sondern ein Taonga – ein heiliger Schatz. Hier ist eine Analyse darüber, warum beim Thema Haka Vorsicht geboten ist und wie man Respekt zeigt.
Was ist kulturelle Aneignung beim Haka?
Kulturelle Aneignung findet statt, wenn Elemente einer Kultur (oft einer Minderheit oder indigenen Gruppe) ohne Verständnis, Erlaubnis oder Respekt für den ursprünglichen Kontext übernommen werden. Beim Haka geschieht dies oft in folgenden Formen:
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Kommerzialisierung: Wenn Unternehmen den Haka nutzen, um Produkte zu verkaufen, ohne die Māori-Gemeinschaft einzubeziehen oder davon profitieren zu lassen.
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Lächerlichmachen: Wenn die intensiven Gesichtsausdrücke (Pūkana) als „lustige Fratzen“ missverstanden oder parodiert werden.
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Falscher Kontext: Wenn ein Haka auf Partys unter Alkoholeinfluss oder als reiner Show-Effekt ohne Bedeutung aufgeführt wird.
Die Bedeutung von „Mana“ und „Tapu“
Um zu verstehen, warum die Māori so sensibel auf die Nutzung des Haka reagieren, muss man zwei Konzepte kennen:
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Mana: Dies beschreibt die spirituelle Kraft, Autorität und Würde. Ein respektloser Haka verletzt das Mana des Stammes, dem der Tanz gehört.
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Tapu: Dies bedeutet „heilig“ oder „unter Schutz stehend“. Bestimmte Haka sind sehr spezifisch und dürfen nur von bestimmten Personen oder zu bestimmten Anlässen getanzt werden.
Fallbeispiele: Wenn die Grenze überschritten wird
Es gab in der Vergangenheit prominente Fälle, in denen die Nutzung des Haka für massive Kritik sorgte:
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Werbekampagnen: Wenn Autokonzerne oder Getränkehersteller Schauspieler (oft ohne Māori-Abstammung) engagieren, um einen Haka zu imitieren, wird dies als Ausbeutung empfunden.
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Sport-Nachahmung: Wenn andere Sportteams den Haka der All Blacks kopieren, ohne eine Verbindung zur Māori-Kultur zu haben, wirkt dies oft wie eine hohle Geste zur bloßen Einschüchterung.
Wie geht man respektvoll mit dem Haka um?
Es ist nicht verboten, den Haka zu bewundern oder ihn unter Anleitung zu lernen. Der Schlüssel liegt in der kulturellen Wertschätzung:
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Bildung: Lernen Sie die Geschichte und den Text. Wissen Sie, was Sie sagen und warum Sie es sagen.
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Quelle prüfen: Wenn Sie einen Workshop besuchen, achten Sie darauf, dass dieser von Māori geleitet wird oder deren ausdrückliche Zustimmung hat.
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Keine Performance ohne Tiefe: Nutzen Sie den Haka nicht als Kostümierung oder reinen Gag. Wenn Sie die Energie des Haka nutzen wollen, tun Sie dies mit dem nötigen Ernst und Respekt vor den Ahnen, die diesen Tanz geprägt haben.
Du lernst
Der Haka ist eine Einladung der Māori an die Welt, ihre Stärke und Leidenschaft zu teilen. Doch diese Einladung setzt voraus, dass man das Haus der Māori mit Respekt betritt. Wer den Haka nur als „coolen Kriegstanz“ sieht, verpasst nicht nur die spirituelle Tiefe, sondern riskiert auch, eine lebendige Kultur zu beleidigen.
